Die Juristische Fakultät als Internationale Fakultät – Ein Überblick

Von Matthias Ruffert, Prodekan Internationales Juristische Fakultät, 7.12.2020

Die Juristische Fakultät positioniert sich bewußt als internationale Fakultät. Lange vor der klaren Empfehlung des Wissenschaftsrates (Drs. 2558-12), die Rechtswissenschaft zu internationalisieren, um das Potential einer die nationalen Grenzen überschreitenden Rechtswissenschaft zu heben, hat sie damit begonnen, dieses Postulat umzusetzen. Sie setzt dabei nicht nur auf die im Geltungs- und Anwendungsbereich internationalen Rechtsgebiete wie das Völkerrecht, sondern unternimmt auch genuin wissenschaftliche Schritte zur Internationalisierung gerade auch der Lehre in Bereichen, die auf absehbare Zeit in unterschiedliche Rechtskreise und Rechtsordnungen untergliedert bleiben werden.

Seit über 15 Jahren verfolgt die gesamte Fakultät dabei eine explizite Internationalisierungsstrategie mit den Zielen (1) Schaffung eines internationalen Umfelds für alle Fakultsätsmitglieder, (2) Profilierung von Forschung und Lehre im internationalen Vergleich und (3) Vorbereitung von Absolventinnen und Absolventen auf die Herausforderungen eines internationalen Arbeitsmarktes. Institutionell begleitet wird die Strategie durch das Büro für Internationale Angelegenheiten der Fakultät.

Im Rahmen internationaler Kooperationen können Studentinnen und Studenten aus der Juristischen Fakultät auf ein Angebot von 160 Studienplätzen an 51 Partnerfakultäten allein im Programm Erasmus+ zugreifen; hinzu treten ca. 25 Studienplätze an renommierten außereuropäischen Standorten. Die Fakultät nimmt bei den „outgoings“ in absoluten Zahlen Platz 3 im bundesweiten Vergleich der Juristischen Fakultäten ein; Platz 1, wenn die Relation zur Anzahl der Immatrikulierten einbezogen wird. Mit 105 „incomings“ belegt die Fakultät in Deutschland Platz 1 der Juristischen Fakultäten. Neben eine Reihe internationaler Master- und Zertifikatsstudiengänge treten Kurse in zehn ausländischen Rechtssprachen im Fremdsprachigen Rechtsstudium zur Vorbereitung von Auslandsaufenthalten; außerdem Kurse der deutschen Rechtsschule an zwei polnischen Standorten. 

Besonders attraktiv sind die Doppelabschlüsse, die an der HU erworben werden können. Nach den Erfolgen in den deutsch-britischen (Partner: King’s College London), deutsch-französischen (Partner: Paris II) und deutsch-chinesischen (Partner: Tongji-Universität Shanghai) Doppelmasterprogrammen, entfaltet die Fakultät besonderes Entwicklungspotential in der European Law School. Diese bietet bereits seit 2007 ein integriertes Europäisches und nationales Studium – mit entsprechenden Examina und Abschlüssen an – mit drei Jahren an der jeweiligen Heimatuniversität und zweimal einem Jahr an zwei verschiedenen Partneruniversitäten, idR in zwei weiteren Sprachen (mit Abschlüssen dort, die im Inland Teil des Gesamtergebnisses werden). Das geschah zunächst im Dreieck (Berlin/London/Paris), nach zwei Erweiterungsrunden mit sieben, nach der laufenden Dritten mit neun Fakultäten (Rom/Amsterdam/Athen/Lissabon/Madrid/Warschau). Jährliche Sommerschulen und andere vielfältige Netzwerkaktivitäten, auch jährlich eine gemeinsame Graduierung, schufen einen engen Verbund. 2020 wurde dieser als Strategische Partnerschaft in die EU-Förderlandschaft aufgenommen, nunmehr mit drei neuen Kernausrichtungen: Dozentenmobilität und -einbettung in die jeweilige Partnerfakultät; Entwicklung gemeinsamer Vorlesungen und Forschungsschwerpunkte; Schaffung einer gemeinsamen digitalen Forschungslandschaft – alles in Recht und Nachbarwissenschaften. Kernidee ist es also, den Verbund vom Studium in die Forschung hinein fortzuschreiben. Da es kein zweites vergleichbares Netzwerk in Europa gibt, sich umgekehrt Europa jedoch sehr stark als durch Recht verfasster Verbund konstituiert hat, liegt darin ein besonderer Auftrag: Themen, die europaspezifisch und letztlich rechtlich verfasst sind, können aus den vielen Perspektiven in Europa adäquat fast nur durch solch eine Verbundsicht entwickelt, erörtert, erforscht werden. Das betrifft Themen wie Finanz- und Eurokrise, Migration, Identitätsansprüche, Pandemie-bewältigung. 2021 beginnt der Verbund daher mit zwei von allen Fakultäten bestückten, in Variationen durchgeführten Vorlesungszyklen: European Governance und Europe – Identity in Solidarity.

Die Fakultät beherbergt regelmäßig eine große Zahl von Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftlern, darunter viele als Humboldt-Stipendiaten.

Auch in der Graduiertenausbildung setzt die Juristische Fakultät auf Internationalisierung. Das Promotionskolleg EPEDER ermöglicht seit einigen Jahren die Fortsetzung der Kooperation in der European Law School auf Graduiertenebene. Dieses Netzwerk nutzt das DFG-Graduiertenkolleg DynamInt (Dynamische Integrationsordnung), das sich dem Wechselspiel zwischen Harmonisierung und Pluralisierung in der europäischen Rechtsordnung widmet. DynamInt enthält als zentrales Element einen Auslandsaufenthalt an einer der Partnerfakultäten für alle Kollegiatinnen und Kollegiaten.

Foto: Feierliche Semestereröffnung der ELS mit Promotionsfeier von EPEDER und Eröffnung von DynamInt; auf dem Podium Laurent Fabius und Andreas Voßkuhle

Auf dieser institutionellen Basis, aber auch auf der Basis individueller Netzwerke konnten zahlreiche hochkarätige Forschungskooperationen entstehen, deren Aufzählung den Rahmen dieses Newsletters sprengen würde; die Kolleginnen und Kollegen mögen es mir nachsehen.

Unter diesen Forschungskooperationen sei das African-German Research Network for Transnational Criminal Justice zu nennen. Es wurde Anfang 2019 als Fortführung des South African-German Centre for Transnational Criminal Justice („Centre“) gegründet, dessen zehnjährige Förderung durch den DAAD 2018 geendet hatte. Das Netzwerk soll den knapp 130 sehr erfolgreichen LL.M.- und Ph.D.-Absolventinnen und -Absolventen die Grundlage und die Mittel zur Förderung ihres akademischen und persönlichen Austauschs in jährlichen Konferenzen, Workshops und Publikationen bieten. Das Netzwerk wird von Prof. Dr. Gerhard Werle geleitet und – wie sein Vorgängerprojekt – vom DAAD finanziert. Es hat bislang zwei internationale Konferenzen organisiert: 2019 zu „Transitional Justice in Sub-Saharan Africa“ und 2020 zu International Criminal Law in Africa – Practice, Challenges and Prospects”. Letztere mußte auf ein Zoom-Online-Format ausweichen, was verdeutlicht, wie sehr die Pandemie die internationalen Aktivitäten der Juristischen Fakultät beeinträchtigt, dass sie diese aber keineswegs zum Erliegen bringt.

Foto: African-German Research Network for Transnational Criminal Justice