Vor 30 Jahren übernahm der DAAD ehemalige DDR-Stipendiat*innen mit Vertrauensschutz in sein Programm auf

HU Berlin – Rückblickend war es eine große Leistung. Zum 1. Januar 1991 übernahm der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) 915 ausländische Studierende an der Humboldt-Universität, die andernfalls ihr Studium in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung hätten abbrechen müssen. Sie kamen aus mehr als 50 Ländern. Lediglich die kubanischen Studierenden wurden nach der Wende unmittelbar in ihr Heimatland zurückgerufen.

 

Bereits wenige Monate nach dem Mauerfall entschied der DAAD unter seinem damaligen Präsidenten Prof. Dr. Theodor Berchem die Fortsetzung der Austauschprogramme der DDR. So erhielten im Osten Deutschlands nach der Wende gut 6.000 Studierende aus 78 zumeist sozialistisch geprägten Ländern mit dem Vertrauensschutz auch die finanziellen Mittel, ihr Studium an ihren Hochschulen (45) erfolgreich zum Abschluss zu bringen – und das, obwohl der DAAD zu jener Zeit nur Semester- und Jahresstipendien im Portfolio hatte.

Es war die „Arbeitsstelle Berlin-Mitte“ des DAAD, die die Zusammenlegung der Stipendiensysteme der DDR und der Bundesrepublik umsetzte und über Jahre hinweg die Betreuung und Finanzierung der internationalen Stipendiatinnen und Stipendiaten der ehemaligen DDR sicherstellte. Bereits am 4. Oktober 1990 (!), einen Tag nach der Deutschen Einheit, nahm eine entsprechende Abteilung im ehemaligen DDR-Bildungsministerium ihre Arbeit auf. Sie wurde zu einer wichtigen Instanz für das Zusammenwachsen des akademischen Austausches beider Seiten.

In Ostdeutschland konnten Ende 1996 die letzten rund 800 internationalen Stipendiatinnen und Stipendiaten ihr Studium abschließen, die Arbeitsstelle Berlin-Mitte des DAAD stellte ihre Arbeit ein. An der HU gab es zu dem Zeitpunkt nur noch 59 Studierende, die ihr Studium beenden konnten – die Vereinigung des akademischen Austauschs war gelungen.

 

Studentenmagnet Humboldt-Universität – Jeder siebente Ost-Stipendiat des DAAD war 1990 an der HU

Von den rund 6.000 Studierenden im Osten, die nach der Wende vom DAAD übernommen wurden, waren mit 915 rund 15 Prozent an der Humboldt-Universität. Diese gehörte als Hauptstadtuni zu den renommiertesten Bildungseinrichtungen in der DDR, die für ausländische Studierende aus den osteuropäischen Ländern und den jungen Nationalstaaten – insbesondere aus Afrika – attraktiv und durch spezielle Regierungsverträge und ein entsprechendes Stipendiensystem zugänglich war.

Die zahlenmäßig größte Gruppe kam naturgemäß aus der ehemaligen Sowjetunion, gefolgt von Polen und Bulgarien sowie aus der damaligen CSSR und Ungarn. Auf den weiteren Plätzen folgten dann Vietnam, die Mongolei, Äthiopien, Afghanistan, Laos, Angola, Jemen, Mosambik, Syrien und Kambodscha. So gingen zum 1. Januar 1991 Übernahme-Zusagen an 150 junge Menschen aus der Sowjetunion, weitere 115 Studienkolleg*innen aus Polen und 90 aus Bulgarien erhielten ebenfalls eine Zusage als „Vertrauensstudierende“. Die größte Gruppe außerhalb Osteuropas an der HU machten vietnamesische Studierende (75) aus, die zahlenmäßig geringste kam aus Kambodscha (11).

Während bei den osteuropäischen HU-Studierenden vor allem die Bereiche Germanistik und Rechtswissenschaft gefragt waren, bildeten für Studierende aus Afrika und dem Mittleren Osten die Fachrichtungen Wirtschaftswissenschaften, Lebensmitteltechnologie und Nahrungsgüterwirtschaft sowie Medizin die Schwerpunkte. Lediglich Kambodscha setzte den Fokus auf Biologie und Physik.

Aber auch Kleinstgruppen und Einzelstudierende hatte es an die HU gezogen. So gab es nach der Wende kleinere Kontingente aus afrikanischen Ländern wie Ghana, Guinea, Guinea-Bissau, Kapverden, Mali, Simbabwe, Sambia, Sudan, Ruanda, Tansania, Tunesien, Marokko und Mauretanien. Aus Lateinamerika waren Studierende aus Brasilien, Mexiko, Honduras, Peru, Venezuela und Ecuador eingeschrieben. Asien war mit Studierenden aus Indien, Pakistan und Bangladesch vertreten. Hinzu kamen europäische Länder wie Griechenland, Zypern, Spanien, Frankreich und Portugal, aber auch Israel, Jordanien und der Irak hatten jungen Menschen nach Berlin an die Humboldt-Universität geschickt. Die meisten kamen in den Genuss einer DAAD-Förderung.

All jene Studierende hätten nach der Wiedervereinigung wohl als Studienabbrecher in ihre Heimatländer zurückkehren müssen, konnten aber durch das Sonderprogramm des DAAD bleiben. Zugleich wurden sie durch das neu gebildete Akademische Auslandsamt an der HU betreut, das von 1992-1995 unter der Leitung von Dr. Arnold Spitta stand. Er war in dieser Zeit vom DAAD abgeordnet worden und kehrte anschließend dorthin zurück.

Der DAAD nahm die Stipendiat*innen aus jener Zeit übrigens auch in sein Nachkontaktprogramm mit auf und zählt sie nun zu seinen Alumni – ebenso wie die Humboldt-Universität, die sich in den Folgejahre mit großen Gruppen ihrer Ehemaligen traf.

Parallel zur Abnahme der Vertrauensstudierenden wuchsen die Gesamtzahlen der ausländischen Studierenden an der HU. Waren 1992 genau 1.691 ausländische Studierende an der Hauptstadt-Universität im Zentrum Berlins registriert, wuchs deren Zahl bis 1996 auf 3.072. Heute sind es mit 5.671 fast doppelt so viele, die Bachelor- und Masterabschlüsse anstreben, das Staatsexamen ablegen wollen oder promovieren – aber auch Programmstudierende, die für ein oder zwei Semester über Universitätspartnerschaften, das Erasmus-Programm der EU oder andere Stipendienprogramme zu uns kommen.

 

Ulrike Spangenberg, Abteilung Internationales

Beratung und Betreuung internationaler Studierender

 

Quellen und Verweise:

https://www.daad.de/de/der-daad/kommunikation-publikationen/presse/pressemitteilungen/30-jahre-arbeitsstelle-berlin-mitte/

https://www2.daad.de/der-daad/daad-aktuell/de/74914-ddr-programme-retten-und-integrieren/