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„Ich bin ein Kind der deutsch-französischen Forschungszusammenarbeit“

Prof. Dr. Jakob Vogel, Direktor des Centre Marc Bloch, über seine Auszeichnung mit dem französischen Offiziersorden der „Palmes Académiques“.

Am 18. Januar erhielt Prof. Dr. Jakob Vogel vom französischen Bildungsministerium den „Ordre des Palmes Académiques“ für Verdienste an der französischen Kultur. Wie er überhaupt zur Beschäftigung mit Frankreich gekommen ist, woran er als Historiker arbeitet und was er für die Zukunft des deutsch-französischen Forschungszentrums für Geistes- und Sozialwissenschaften plant, erzählt er im Interview.

 

Bei der feierlichen Verleihung des Offiziersordens der "Palmes Académiques" hat die französische Botschafterin in Berlin Ihren europäischen Werdegang und Ihre Forschung hervorgehoben. Wie sind Sie dazu gekommen, in Frankreich zu studieren und diese akademische und persönliche Bindung an Frankreich zu entwickeln?

Ich bin damals zum Studium nach Paris gegangen, um einerseits meine Französischkenntnisse überhaupt auf- und auszubauen. Ich hatte in der Schule keinen Französischunterricht gehabt und mir das nur privat angeeignet, in der Zeit, in der ich als Verlagskaufmann in der Lehre war und dann gearbeitet habe. Im Rahmen eines Studiums wollte ich das vervollkommnen.

Ich bin auch ein Kind der deutsch-französischen Forschungszusammenarbeit, die sich seit den 1990er Jahren sehr entwickelt hat. Meine erste Tagung habe ich noch als Doktorand mit dem CMB organisiert. Für mich war dann es eine große Chance, zwei Jahre als Postdoktorand mit einem Stipendium des französischen Außenministeriums arbeiten zu dürfen. Die Träger des CMB waren damals noch ausschließlich französische Forschungseinrichtungen und das französische Außenministerium – es war wie eine französische Insel hier in Berlin!

Inzwischen lebe ich mit meiner Familie zwischen Berlin und Paris, was ich als großes Privileg empfinde.

 

Können Sie in einigen Beispielen auf die inhaltlichen Themen eingehen, die Sie in Ihrer Karriere bearbeitet haben? Was hat Sie besonders beschäftigt?

Das Spannende für mich war immer, Geschichte in ihrem globalen Kontext zu betrachten. Begonnen habe ich mit einer Dissertation über den Militärkult in Deutschland und Frankreich vor dem Ersten Weltkrieg. Da habe ich viele Ähnlichkeiten zwischen beiden Ländern gefunden. Ich bin dann immer weiter dazu gekommen, noch stärker auch die innereuropäischen Verflechtungen und Bezüge in der Geschichte, aber auch ihre Beziehungen zu den Entwicklungen außerhalb Europas zu betrachten. In meiner Habilitation habe mich der Geschichte des Wissens und der Experten zugewandt, insbesondere für das 18. und 19. Jahrhundert. Technische und administrative Experten haben im frühen 19. Jahrhundert ganz stark die Staaten und das, was sie ausmacht, entwickelt. Das reicht von medizinischer Expertise zu technisch-industrieller Expertise, etwa im Bereich des Bergbaus.

 

Diese Themen begleiten Sie auch jetzt, und auch in Ihrer Arbeit an der HU – richtig?

Ja. In den letzten zehn Jahren habe ich mich verstärkt damit beschäftigt, welche Rolle die koloniale Welt bei der Entstehung dieser Expertise gespielt hat, die innerhalb Europas zirkulierte. Da ging es auch um die Frage, wie die kolonialen Erfahrungen auf die Europäer zurückgewirkt haben. Ich habe mich da unter anderem mit Alexander von Humboldt beschäftigt, als einem ganz wesentlichen Mittler zwischen Lateinamerika und Europa, der oft viel zu vereinfacht betrachtet wurde. Im Rahmen meiner Honorarprofessur an der HU werde ich im Sommersemester einen Kurs zu den Kolonialexperten anbieten, um deutlich zu machen, in welch unterschiedlichen Kontexten im Laufe der Zeit sie arbeiteten.

 

Das CMB wurde nach einem französischen Historiker benannt, der von der Gestapo in Frankreich ermordet wurde. Können Sie ein paar Worte zu dieser historischen Figur sagen?

Marc Bloch war einer der wesentlichen Vertreter der französischen Annales-Schule [zentrale Strömung in der französischen Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts], die in der Zwischenkriegszeit ganz wegweisende Forschung insbesondere zur mittelalterlichen Geschichte betrieben hat. Er hat sich dabei auch immer sehr für das interessiert, was im deutschsprachigen Raum als Forschung betrieben worden ist. Er hat mit großer Skepsis und auch zunehmendem Erschrecken verfolgt, wie eine nationalsozialistische Strömung auch im Bereich der Geschichtswissenschaften immer stärker wurde. In dem Moment, wo dann im Rahmen des zweiten Weltkrieges Frankreich von Deutschland besetzt worden ist, ist er dann in der Widerstandsbewegung aktiv geworden.

 

Wie wirkt sich das symbolische Gewicht dieses Namens auf die Arbeit des Centre aus?

Er ist geradezu ein idealer Namenspatron für unser Zentrum, was als geistes- und sozialwissenschaftliches Zentrum einen kritischen Blick auf die gesellschaftlichen und gesellschaftspolitischen Entwicklungen in Deutschland, Frankreich und Europa, sowie auf Europa in seiner globalen Verflechtung wirft. In diesem Sinne hat das CMB als kritischer Beobachter wegweisende Dinge bearbeitet, auch was die Methodik der Geistes- und Sozialwissenschaften betrifft. Denn am Centre Marc Bloch arbeiten ja nicht nur Historiker, sondern eben auch Soziologen, Politologen, Geografen, Philosophen, Juristen oder auch Umweltökonomen, die die ganze Bandbreite der Themen in den Blick nehmen, die heute die deutsche und französische Forschung beschäftigen.

 

Wie geht es weiter, für das CMB und für Sie?

Es hat sich in der letzten Zeit gezeigt, wie wichtig eine vielstimmige europäische Auseinandersetzung mit den Themen ist, die wir am Centre bearbeiten. Deshalb haben wir in den letzten Jahren unsere internationalen Kontakte ausgeweitet. Auch die Doktorandenausbildung am Centre wird in dem Sinne breit europäisch eingebettet. Es wird in Zukunft darum gehen, diesen Kurs, den auch schon meine Vorgänger*innen eingeschlagen haben fortzusetzen. Mein Mandat wurde bis zum Ende des Sommers 2023 verlängert, danach gehe ich nach Paris zurück. Ich bin dort mit einer Professur an Sciences Po eingebunden. Die Globalgeschichte Europas wird mich weiterhin sehr stark beschäftigen.